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Familienkirche Schmuckerau

Ethik statt Religion?
Was hat Jesus uns gebracht? Vor wenigen Tagen wurde mir die Frage gestellt, ob ich glaube, dass die Welt durch das Christentum eine bessere geworden sei, oder ob nicht die blutige Geschichte, die mit dem Tod des Jesus von Nazareth am Kreuz beginnt und über die Märtyrer, über die Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Zwangsmissionierungen und Religionskriege reicht, das Gegenteil nahelegen würde.
Und gleich darauf wurde ich mit der Aussage des Dalai Lamas konfrontiert „Ethik sei wichtiger als Religion“ – ob wir uns nicht dieser These und dem Streben nach einer säkularen Ethik anschließen sollten – einer säkulare Ethik der Toleranz und Gewaltlosigkeit und des Mitgefühls, die durch Bildung und Meditation zu erreichen sei, denn so der Dalai Lama – Religion sei erworben, Ethik hingegen natürlich.
Na, wenn das so ist, dann machen wir die Kirchen doch zu. Also, wenn es die Kirche in den letzten 2.000 Jahren nicht geschafft hat, dass die Christen und Christinnen bessere Menschen werden, wozu brauchen wir sie dann überhaupt noch.
Ist es Aufgabe der Kirche, bessere Menschen heranzubilden und war es Jesu Auftrag uns eine universelle Ethik zu bringen?
Das heutige Evangelium aus dem sechsten Kapitel des Johannesevangeliums sagt meiner Meinung nach „Nein“.
Heißt das, dass Jesus nicht will, das wir ein moralisch und ethisch verantwortetes Leben führen? Natürlich heißt es das nicht. Natürlich will Jesus, dass wir als Christinnen und Christen moralisch und ethisch verantwortlich leben. Aber Jesus ist nicht gekommen, um uns eine neue Ethik zu offenbaren. Denn erstens enthalten die Evangelien wie Klaus Berger mehrfach betont keine systematische Ethik und die Lehre Jesu lässt sich auch nicht in eine solche pressen, wiewohl immer wieder versucht worden ist.
Jesus beruft sich immer auf die Tora – auf die Weisung Gottes wie sie an Israel ergangen ist. Das wichtigste Gebot ist bei Jesus so wie schon im Buch Deuteronomium die Liebe zu Gott und dem Nächsten (und sich selbst). In manchen Punkten wehrt sich Jesus gegen die Interpretationen der Pharisäer und Schriftgelehrten seiner Zeit. Nur in ganz wenigen Punkten, den sogenannten Antithesen („Ihr habt gehört … ich aber sage Euch …“), die sich nur im Evangelium nach Matthäus finden, bringt Jesus neue Gebote am prominentesten die Feindesliebe. Ich vermute, wir sind uns einig, dass diese „neuen Gebote“ die schwierigsten sind, die von den wenigsten Menschen gelebt werden (können).
Zusammenfassend: Ich glaube nicht, dass Jesus uns eine neue Ethik bringen wollte und dass das Wesen des Christseins darin bestehen könnte, eine solche Ethik zu leben. Dass heißt nicht, dass der Christ und die Christin unethisch leben sollen, ich glaube nur dass es um mehr Spielraum und Verantwortung geht (also ein umweltbewusstes Handeln darf ich von einer Christin und einem Christen am Beginn des 21. Jahrhunderts erwarten, selbst wenn Jesus nie ein Wort darüber verloren hat – verstehen Sie, was ich meine).
Darin liegt nämlich das Problem mit Geboten oder mit einer Ethik, die sich als schlichte Beachtung vorgeschriebener Gebote versteht: Da geht es dann nämlich früher oder später immer darum, was darf ich denn trotzdem tun, obwohl ich eigentlich weiß, dass es falsch ist, nur weil es nicht in den Geboten steht. Die Intention hinter den Geboten wird ausgehölt, oft sogar pervertiert (in diesem Sinne schreibt Paulus auch: Der Buchstabe töte, der Geist macht lebendig) – Es geht um den Heiligen Geist, in dem die Gebote gegeben sind und interpretiert werden wollen, nicht um die bloße, mechanische Erfüllung.
Ein letztes Argument für meine These (das Jesus keine neue Ethik gebracht hat) aus der heiligen Schrift, aus der Apostelgeschichte: Als es darum geht, die ersten Griechen (Heiden) zu taufen, stellt sich die Frage, müssen sie auch beschnitten werden und alle Gebote des Judentums halten. Und die Apostel beraten in Jerusalem (das erste Konzil) und dann entscheiden sie: Nein, die Heiden müssen nicht beschnitten werden und sie müssen nicht alle Gebote halten, sondern sich nur der Götzen und der Unzucht enthalten und weder Blut noch Ersticktes essen. Interessanterweise musste man den Heiden nicht sagen, dass sie niemanden umbringen dürfen, oder dass sie sich an die zehn Gebote halten müssen. Es scheint also schon damals vor 2.000 Jahren universale Grundregeln – im Sinne einer natürlichen Ethik gegeben zu haben. Aber vor allem will ich damit sagen, dass man den Heiden keine neue Ethik auferlegt hat, dass man darauf vertraut hat, das sie ein ethisches Leben führen können und sollen und dass der neue Weg des Jesus von Nazareth nicht in neuen Geboten, nicht in einer neuen Ethik bestanden hat.
Was hat uns Jesus aber dann gebracht, wenn er keine neuen Gebote bringen wollte?

Jesus gibt uns keine neuen Gebote, er gibt sich. Auch im Ersten Testament (im ersten Bund) ging es immer um die Gemeinschaft mit Gott. Wie muss das ganze Volk Gottes leben, damit es Gemeinschaft hat mit Gott. Damit Gott sein Angesicht über Israel leuchten lässt. Alle Gebote und Verbote haben den letzten Sinn, nicht von Gott verstoßen zu werden. Doch das Volk Gottes scheitert immer wieder – und immer wieder bietet Gott den Menschen seinen Bund an. Gott hört nicht auf, einen Neubeginn zu wagen, manchmal und auch das gehört zur schmerzlichen Geschichte Israels aber nur mit einem heiligen Rest, der an den Geboten festgehalten hat.
Und Jesus ist nicht gekommen, um neue Gebote zu bringen, er ist aber auch nicht gekommen, um die alten Gebote aufzuheben, er sagt von sich, er sei gekommen, sie zu erfüllen.
Weil Jesus ganz den Willen des Vaters erfüllt hat, weil seine ganze Existenz ausgerichtet war auf Gott, weil er nie aufgehört hat Gemeinschaft mit Gott zu haben, hat er dem Menschen nicht nur die Tore des Himmels wieder geöffnet, er hat auch die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen in einer ganz neuen Weise begründet – in ihm, in der Eucharistie.
In der Eucharistie geht es nicht nur um Gemeinschaft, es geht auch um Verwandlung, nicht nur von Brot und Wein, sondern auch von Ihnen und mir:
Und vielleicht können Sie spüren, dass Gott Sie verwandeln will, das er Ihr Herz verwandeln will – wissen Sie, wie viele frisch gebackene Eltern – gerade auch Fernstehende – wie viele als Lesung für die Taufe ihres Kindes jene Stelle aus dem Buch Ezechiel auswählen in der es heißt: „Ich nehme das Herz von Stein aus Eurer Brust und gebe Euch ein Herz aus Fleisch“. Darum geht es, dass ist mehr als die Erfüllung noch so vieler Gebote, dass ist mehr als das Einhalten irgendeiner Ethik. Aber Gott reißt uns nicht das Herz aus der Brust – wir müssen es ihm öffnen. Und davor haben wir angst – und das, genau das ist Sünde. Nicht dass wir das Gebot gebrochen hätten oder jenes, sondern dass wir Teile unseres Herzens oder sogar unser ganzes Herz dem heilenden und verwandelnden Zugriff Gottes versperren. Und ich glaube, dass dieses Versperren des Herzens daran liegt, dass wir insgeheim auch wissen, dass diese Verwandlung leidvoll ist. Das wird nicht nur den Schmerz der Reue fühlen werden, sondern auch einen Schmerz, der vergleichbar ist mit dem,wenn eine eitrige Wunde gereinigt wird. In unserem Leben wurden uns Wunden geschlagen, wir mussten Böses und Ungerechtigkeit ertragen, vieles wurde verdrängt, konnte nicht heilen. Es muss noch einmal (vielleicht sogar öfter) gemeinsam mit Gott durchlitten und liebevoll angenommen werden, erst dann kann Heilung geschehen.
Wir können vor diesem Prozess nicht ewig davonlaufen – ich glaube, dass hat die Kirche in ihrer Lehre über den Status der Reinigung, dem Fegefeuer, erkannt.
Wenn wir jedoch bereit sind schon in diesem Leben, diesem auch leidvollen Prozess der Verwandlung unseres Herzens durch Gott zuzustimmen, dann werden wir auch schon in diesem Leben die Früchte des verwandelten Herzens erleben dürfen, in der Liebe zu Gott und den Menschen und im Leben in Fülle, von dem Jesus sagt: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Zurück zur Frage: Ist Ethik wichtiger als Religion?
Ja, ich stimme mit dem Dalai Lama überein, dass es im Menschen eine „angelegte Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung“ gibt. Und ich glaube einem Gehirnforscher Gerhard Hüter, wenn er nicht müde wird, von Ergebnissen wissenschaftlicher Untersuchungen zu erzählen, dass bereits im Kleinkindalter der Mensch danach strebt die anderen zu unterstützen und nicht sie niederzumachen. Ich glaube nur auch mit der Lehre der Kirche, dass die menschlichen guten Neigungen beeinträchtigt sind, dass das menschliche Herz genauso Neigungen zu Hass, Erniedrigung und Verachtung kennt. Und ich weigere mich – und ich glaube im Übrigen auch nicht, dass der Dalai Lama das so sieht – zu glauben, dass es eine natürliche Feindesliebe geben kann. Diese ist nur auf einem spirituellen Weg durch Reifen und Leidensbereitschaft zu erringen. Das übersteigt, was jede Ethik zu leisten zu argumentieren vermag. Abgesehen davon, dass zwischen dem Verstehen einer Ethik und ihrem Vollzug ein sehr großer Unterschied besteht. Auch der Dalai Lama betont in der kleinen Schrift „Ethik ist wichtiger als Religion“, wie wichtig die Kultivierung dieser positiven Neigungen durch Meditation ist – er meditiere vier Stunden.
Jetzt frage ich sie aber: Wie viele Menschen kommen auch nur auf die Idee – wenn sie nur den Satz „Ethik ist wichtiger als Religion“ hören – das in diesem Konzept von Ethik auch eine spirituelle Praxis (die nämlich der Meditation) mitgemeint sein könnte? Und ich kann mir keine säkulare Meditation vorstellen, die zur Feindesliebe führt, ohne in einem metaphysischen oder religiösen Fundament ihre Wurzeln zu haben. Vereinfacht ausgedrückt: Gewaltlosigkeit ohne Spiritualität gibt es nicht – auch Ghandi war ein zutiefst religiöser Mensch. Und auch der Dalai Lama hat ein solches Fundament (man muss nur eines seiner anderen Bücher lesen) auch wenn es sich wesentlich von meinem als Christen unterscheidet.
Es kann also niemals heißen, Ethik statt Religion (und soll auch nicht heißen Religion statt Ethik), sondern nur, Ethik und Religion, ethisches Leben aufgrund christlicher Spiritualität. Taufe, Beichte, Firmung, Eucharistie und die anderen Sakramente machen ein vor Gott und den Menschen verantwortetes Leben vielfach (nicht immer!) erst möglich. Die Gemeinschaft mit dem Heiligen, heiligt den, der sich dafür öffnet.
Wenn wir also den Eindruck haben, dass die Welt nach 2.000 Jahren Christentum nicht besser geworden ist, dann liegt das meiner Meinung daran, dass es immer noch so wenig Menschen gibt, die das Vertrauen fassen, sich ganz Gott hinzugeben.

Erstellt von: Tom Kruczynski
am 9. August 2015
kurat(at)schmuckerau.at
Tom Kruczynski