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Familienkirche Schmuckerau

Es gibt wenig Themen in der Theologie, die ich so spannend finde, wie das Thema des heutigen Sonntags. Spannend, weil man nächtelang darüber diskutieren kann, spannend aber auch, weil es uns in Spannung setzt.
Es geht an diesem Sonntag um das Verhältnis zwischen eigener Leistung und Gnade, eigenem Bemühen und reinem Empfangen. Und keine Theologin und kein Theologe kommt umhin, zwischen diesen beiden Polen einen Standpunkt zu beziehen und die wirkliche Schwierigkeit liegt nun darin, die Balance zu finden, ohne auf die eine noch auf die andere Seite zu kippen.
Warum gibt es überhaupt eine Spannung? Kann ich nicht jeder Christin und jedem Christen mit gutem Gewissen empfehlen: „Müh Dich so gut du kannst und den Rest lass den lieben Gott dazugeben“.
Das ist schon ein ganz guter Rat und wir könnten uns angesichts der Flüchtlingssituation schon wünschen, das wir Christen uns noch mehr mühen würden. Dr. Michael Landau hat das in einem Interview vor einer Woche ziemlich klar gesagt, dass die Orden noch genug Luft hätten (und die Pfarrgemeinden) und dass er sich noch einiges mehr an Bereitschaft erwartet.
ABER: Es wäre ja kein spannendes Thema, wenn es hiermit schon abgeschlossen wäre.
Denn ans Kreuz haben Jesus ja nicht die Sünder und Zöllner gebracht, die sich vermeintlich oder offensichtlich keine Mühe gegeben haben, den Willen Gottes zu erfüllen, sondern ans Kreuz haben gerade diejenigen Jesus gebracht, die sich die größte Mühe gegeben haben, die Pharisäer. Doch auch im Bezug auf die Pharisäer sollten wir uns vor Verallgemeinerungen hüten, die so oft Quelle christlichen Antisemitismus waren und immer noch sind! Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie eine Diskussion des Pharisäers Paulus mit dem irdischen Jesus ausgesehen hätte.
Die Pharisäer als Schule, als Gruppe, – wenn Sie so wollen als Etikett oder Kategorie – sie legen ihre ganze Mühe auf die Befolgung der Gebote, d.h. die Pharisäer haben wirklich versucht, den Willen Gottes, der für sie in der Tora offenbart war, bis ins kleinste zu erfüllen.
Wahrscheinlich haben sich viele Pharisäer mehr um den Willen Gottes in ihrem Leben gekümmert als wir das tun. Aber in diesem Versuch liegen auch zwei sehr große Versuchungen. Zum einen (und man wird sagen müssen, darin halten sich die Pharisäer ganz an die Vorschriften des Buches Deuteronomium aus dem die erste Lesung war) Menschen auszuschließen, die die Heiligkeit des Volkes gefährden. Das besondere Privileg des Volkes Gottes ist die Gemeinschaft mit dem Heiligen; und das Gebot: „Sei heilig, wie ich heilig bin“, birgt sich auch eine Dynamik alle aus der Gemeinschaft temporär oder endgültig auszusondern, die diese Gemeinschaft aufgrund der eigenen Unreinheit oder Sünde gefährden. Das ist auch die Problematik die Jesus im Evangelium anspricht. Ich kann nicht meine Heiligkeit dadurch bewahren, indem ich Dinge (oder Personen) ausschließe – mich abschotte. Das Problem ist in meinem Inneren und muss von Gott erhellt werden! Und darum brauchen wir Kommunion: Gemeinschaft mit Gott, damit unser Herz erhellt wird, damit wir erkennen aus welch bitteren Wurzeln unsere Gedanken von Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft stammen. Damit Gott uns an diesen Wurzeln heilen kann. Wenn jemand sich heute den ganzen Tag überlegt hat, wie er es diesem Trottel von Arbeitskollegen heimzahlen kann, dann ist es wurscht, ob er sich vor dem Essen die Hände gewaschen hat – das versteht glaub ich jeder.
Darüber hinaus gibt es aber auch einen wesentlichen Unterschied in Jesu Verständnis von Heiligkeit: Auch für Jesus kommt alles Heilige allein von dem Heiligen aber das Reich Gottes schottet sich sozusagen nicht vor Verunreinigungen von außen ab, sondern Jesus und die von ihm ausgesandten Jünger bringen diese Gemeinschaft mit dem Heiligen gerade zu den Menschen, die die Gemeinschaft mit Gott am meisten brauchen: Die Kranken und die Sünder
Es ist die Dynamik die im dritten Kapitel des Johannes Evangeliums skizziert ist:
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.
Die Zöllner und Sünder waren froh, dass das Licht zu ihnen gekommen ist, diejenigen die in der Finsternis gesessen sind, haben sehnsüchtig darauf gewartet – manche, andere haben das Licht gehasst. Schwierig wird es nun für manche der Pharisäer. Dieses Licht hat nämlich auch ihre Sünden aufgedeckt, vor denen sie selbst ihre Augen schon verschlossen hatten. Und genau diese haben das Licht dann am meisten gehasst.
Zusammenfassend: Die Gefahr bei der Betonung der Notwendigkeit der eigenen Mühe besteht zum einen darin, andere Menschen auszuschließen, ihnen den Zugang zu Gott verwehren zu wollen – große Sünde vieler Priester und Pfarrgemeinden!!! Die größere Gefahr aber besteht darin, um nicht selbst ausgeschlossen zu werden, die eigenen Sünden zu verleugnen, zu verdrängen und zu verharmlosen, beziehungsweise über die vielen kleinen Gebote, die man eingehalten hat, die wesentlichen zu übersehen.
Die größte Gefahr aber besteht darin, dass man sozusagen übersieht, dass wir alles nur aufgrund der Gnade von Gott her vermögen. D.h. um eine eigene Handlung oder die eines anderen beurteilen zu können, dürfen wir nicht nur die Handlung in sich und die Intention, aus der heraus sie geschieht, beachten, sondern müssen auch beachten, wie viel der Einzelnen und dem Einzelnen jetzt in diesem Moment möglich ist. Und wer nur für sich erkennen kann, wo er steht, der kann – so glaube ich – erst erkennen, dass ihm der nächste Schritt nur mit Gottes Hilfe möglich ist.
Damit es nicht zu theoretisch wird, will ich es mit einem Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir an, Sie würden € 100,00 für den Kirchenraum Neu der Familienkirche Schmuckerau spenden (ich weiß auch nicht, warum ich gerade auf dieses Beispiel komme). Das erste ist also das Faktum ob Sie nichts, €10, €50 oder €100 spenden. Dann kommt die Intention hinzu. Wenn Sie die nächsten fünf Jahre allen Menschen davon erzählen, wie großzügig sie nicht gewesen sind, dann wird es wahrscheinlich einmal heißen: Sie haben Ihren Lohn schon erhalten. Zuletzt und darauf will ich ja hinaus ist aber der momentane Standpunkt bedeutsam. Es macht noch mal einen großen Unterschied ob ich Bezieher der Mindestpension bin, oder € 5.000,00 im Monat verdiene. Aber noch mehr, ob ich mir schon die gute Angewohnheit angeeignet habe, jeden Monat etwas zu spenden, oder ob ich noch nie etwas im Leben gespendet habe. Wenn jemand € 10,00 spendet, der noch nie etwas gespendet hat, dann ist ein viel größerer Schritt, als wenn jemand € 100 gibt, der Monat für Monat € 100,00 spendet. Und jetzt kommt der Punkt auf den ich heraus will. Ich glaube, wenn ich ehrlich genug mir selber gegenüber bin, dann erkenne ich, dass der nächste Schritt in Richtung Freigebigkeit und Großzügigkeit für mich genauso groß ist, egal ob ich noch nie oder jeden Monat etwas gespendet habe und dass ich daher für den nächsten Schritt genauso viel Gnade des Heiligen Geistes benötige. Das Wachsen in der Liebe (in der Tugend, in guten Werken) ist immer gleich schwer (oder wird sogar immer schwieriger). Und dann kann ich erkennen, dass ich ehrlicherweise auch nur bis hierher, wo ich gerade stehe nur aus Gnade gekommen bin. Also, wenn ich erkenne, dass ich nur aus Gnade den nächsten Schritt machen werde, dann erkenne ich auch, dass ich bis hierher nur aus Gnade gekommen bin. Die eigene Mühe hat in meinem Modell durchaus den Sinn, dass man nicht wieder zurückfällt, denn wie die Heilige Theresa von Avilla lehrt: In der Liebe (und wir können glaube ich auch Tugend einsetzen) gibt es keinen Stillstand. Entweder man wächst oder man schrumpft.
So kommen wir zum anderen Extrem: Wer sich nur auf die Gnade verlässt, der läuft natürlich Gefahr, sich auf die Gnade auszureden. Und gegen diese Gefahr wendet sich der Jakobusbrief. den wir in der zweiten Lesung gehört haben. Der Jakobusbrief ist sozusagen eine Korrektur einer falschen Paulusrezeption. Alles was Paulus über die Gnade schreibt ist wahr, aber es muss schon auch Auswirkungen in unserem Leben zeigen („Zeige mir Deinen Glauben, ohne die Werke, und ich zeige Dir meinen Glauben aufgrund der Werke“).
Zuerst hat es geheißen: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben“ – dass wollte ich bisher entfalten, dann heißt es aber auch: „Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach; sonst betrügt ihr euch selbst.“ Wer sich also nicht bemüht, an den ist jede Gnade verschwendet und er betrügt sich selbst. Der Jakobusbrief wendet sich gegen alle, die meinen, sie könnten einfach so weiter tun. Aus dem oben bereits erwähnten Grund: Man kann nicht einfach so weiter tun, entweder man wächst oder man schrumpft. Es ist wie bei jedem Muskel in unserem Körper. Man muss sich anstrengen, nur um auf einem Niveau zu bleiben. Jeder, der im Spital gelegen ist, weiß dass: Muskeln können sehr schnell schrumpfen und die einstige Kraft wird nur mühsam wiedererlangt.
Ich würde den Rat, den ich am Anfang angesprochen habe, also leicht abwandeln:
Müh Dich ehrlich so gut es geht, das, was Du bereits kannst, zu tun und lass Dich dort von Gottes Gnade heilen, verwandeln und weiterführen, dort wo Du genauso ehrlich Deine Grenzen, Deine Ängste und Deine Bosheit erkannt hast.

Erstellt von: Tom Kruczynski
am 1. September 2015
kurat(at)schmuckerau.at
Tom Kruczynski